Interview 2017-12-01T16:32:56+00:00

Interviews & Beiträge

Marcus Rübbe im Interview zum Thema „Politisches Framing“

Was sind eigentlich Frames Herr Rübbe?

Marcus Rübbe mit Nadine Mietke im Interview zu seinem neuen Buch >>Business Framing – The way for excellent results<<, welches Mitte 2018 auf dem Markt erscheint.

Herr Rübbe, in Ihren Vorträgen und in Ihrem Buch stellen Sie die These auf, wir würden alle mit einfachen Wörtern ständig manipuliert werden. Wie kommen Sie darauf?

Schauen Sie, unsere Sprache ist kein abstraktes Gebilde. Hinter jedem Wort verbirgt sich etwas. Um Wörter zu begreifen, aktiviert unser Gehirn ganze Vorratshallen von Erfahrungen und abgelegtem Wissens: Gefühle, Gerüche, visuelle Erinnerungen. Worte transportieren also viel mehr Informationen, als wir glauben, und sie treiben uns mal hierhin oder dorthin, bewegen uns dieses oder jenes zu tun, ohne dass wir uns dessen wirklich bewusst sind.

Woher wissen Sie das?

Ich beschäftige mich seit mehr als 10 Jahren mit der Neuro-Psychologie, Verhaltensforschung und Hirnforschung. Wir haben heute die technischen Möglichkeiten ins Gehirn zu blicken und können dabei sehr genau beobachten, wie Wörter verarbeitet werden und was sie auslösen.

Sie schreiben gerade ein Buch >>Business Framing – The way for excellent Business<< und sprechen darin, wie der Name schon sagt, von „Frames“ in unseren Köpfen. Was genau meinen Sie damit?

Lassen Sie mich kurz erklären, was Frames sind. Ein Frame ist ein Deutungsrahmen. Davon hat unser Gehirn unglaublich viele. Entstehen tun sie durch unsere Erfahrung mit der Umwelt und sie helfen Daten und Fakten zu bewerten und entsprechend einzuordnen. Frames werden durch die einzelnen Wörter aktiviert. Ich will es Ihnen einmal kurz demonstrieren. Wir nehmen mal gemeinsam an, Sie seien krank und müssten für sich eine Entscheidung darüber treffen, ob Sie operiert werden wollen. Ihr Hausarzt sagt Ihnen, dass die Wahrscheinlichkeit zu sterben bei etwa 10 Prozent liegen würde. Sie holen sich noch eine zweite fachärztliche Meinung ein und der zweite Arzt räumt Ihnen eine 90 prozentige Überlebenswahrscheinlichkeit ein. Schauen Sie, die Fakten bleiben zu 100 Prozent identisch, aber Ihre Interpretation des Gesagten bzw. der Fakten ist völlig unterschiedlich gewichtet. Folglich führt die Wortwahl dazu, dass entweder „Leben“ oder „Sterben“ in den Vordergrund der Thematik gestellt wird. Ihre Entscheidung wird somit mittels Sprache erheblich beeinflusst. Wenn Sie also noch glauben, wir Menschen würden nur auf Basis von Fakten entscheiden, unterliegen Sie einem Irrglauben.

Aber entspricht es denn nicht unserem Ideal, dass wir uns als Verbraucher von Produkten und Dienstleistungen von Fakten beeinflussen lassen bzw. Menschen sich generell ihre Meinung aufgrund von Fakten bilden?

Nein, dass zu glauben, ist ein großer Irrtum. Außerhalb von Frames können wir nicht ein Wort denken, aussprechen oder verarbeiten. Wann immer Sie ein Wort hören, wird in Ihrem Kopf ein Frame aktiviert. Herr Rübbe, als Wissenschaftler erforschen Sie unter anderem, wie die Kognitive Linguistik und der Einfluss von Sprache unser wirtschaftliches Denken und Handeln beeinflusst.

Könnten Sie mich manipulieren, wenn Sie es wollten?

Nun, hätte ich es mir heute Morgen vorgenommen und wäre mit dieser Absicht zu unserem Interview gekommen, wäre es kein Problem für mich. Wie ich gerade gesagt habe, Sprache kann jeden von uns – auch mich – beeinflussen. Unser gesamtes Denken, Fühlen und Handeln, z.B. Kaufentscheidungen, wird durch Sprache beeinflusst.

Was oder besser wie würden Sie es machen, wenn Sie mich manipulieren wollten?

Das ist gar nicht schwer. (lacht herzlich) Ich könnte Ihnen zum Beispiel suggerieren, dass eine bestimmte Meinung über Journalisten besonders gut ist. Das geht über sogenannte Frames, Sprachbilder, die unser Gehirn mit einer Bedeutung verknüpft. Nehmen wir das Wort Schmutz. Wenn ich „schmutzige Berichterstattung“ sage, simuliert Ihr Gehirn automatisch Ekel. Als würden Sie einen üblen Geruch riechen oder hören, wie jemand sich übergibt. Spüren Sie es gerade? Wörter können Gefühle erzeugen. Und genau dieses Wissen setzt man beispielsweise in (Neuro-)Marketingkampagnen oder im Bundestagwahlkampf gezielt ein.

In einem Interview mit einer Berufskollegin in der >>Zeit<< habe ich gelesen, dass Donald Trump wie ein Viertklässler sprechen würde. Welche Meinung haben Sie dazu und was könnte man daraus ableiten?

Oh, (lacht) das Interview kenne ich auch. Diese Aussage über Trump war das Ergebnis einer Studie von einer US-amerikanischen Forschungsgruppe aus Californien, die die Sprachmuster von US-Politikern untersucht hat. Dabei kam heraus, dass Trump etwa auf dem Level eines Grundschülers war. Und ziemlich schnell könnte man sich damit zu den Gedanken verleiten lassen: „Lass den Trump mal reden, der redet doch eh nur für Dumme, wahrscheinlich ist er selbst ein bisschen pläm pläm“. Nur – das ist er nicht, ganz im Gegenteil!

Sie meinen, das ist alles knallharte Strategie und es steckt eine Absicht dahinter?

So ist es. Donald Trump benutzt fast nur Wörter der „basic level cognition“. Diese Worte sind genau die, welche wir uns als Kinder zuerst einprägen. Trump benutzte in seinem Wahlkampf keine Wörter wie: Wir werden die Migration aus Mexiko eindämmen, sondern er sagte: Wir bauen eine Mauer. Da hatte jeder Amerikaner sofort ein Bild zu.

So einfach, wie Sie es darstellen, würde man schnell zu der Einsicht kommen können, dass man die Menschen einfach so „umprogrammieren“ könnte. Mit allem Respekt, aber das glaube ich Ihnen nicht.

Nein, ganz so simpel geht es auch nicht. Ich will den Menschen lediglich sagen, dass wir uns hin und wieder mal die Zeit nehmen sollten bei den wichtigen Themen, bspw. bei den nächsten Bundestagswahlen, ganz gezielt darüber nachzudenken, welche Begriffe in aktuellen Debatten genutzt werden – zum Beispiel nach einer Talkshow oder nach der Lektüre eines Zeitungsartikels. Dann entwickelt man ein Gespür dafür, welche Haltung gerade dominiert, etwa wenn es um den Staat oder Steuern geht. Oder um geflüchtete Menschen.

Wenn unsere Sprache so manipulativ ist: Was bedeutet das für uns als Unternehmer?

Es ist wichtig, dass auch Unternehmer sich bewusst machen, welche Frames sie für die Vermarktung ihrer Produkte oder Dienstleistung in ihrer jeweiligen Zielgruppe verwenden können und welche Wirkung sie erreichen wollen. Natürlich kann man Framing für PR oder Werbezwecke missbrauchen. Aber man kann das Wissen darüber auch nutzen, um die Ideologie, die hinter Wörtern steckt, offenzulegen. Das wäre eine große Leistung und würde das Vertrauen in die Märkte wieder stärken.

Herr Rübbe, ich danke Ihnen für das Interview.